Ein wichtiges Werkzeug: die Gruppenbildung

Der Aufsatz „Wer mit wem? „ verschafft Ihnen Zugang zu einfachen Techniken der Gruppenbildungen zum Gruppenunterricht und gleichzeitig einen Einblick in ihre Voraussetzungen und Auswirkungen. Sie finden hier eine Vielzahl von praktischen Gruppenbildungs-Anlagen, die Sie in Ihrer Arbeit mit Gruppen und Klassen einsetzen können.

Wer mit wem?

Wann immer ich etwas plane oder verwirkliche, stellt sich mir automatisch die Frage, ob ich es allein oder mit anderen mache.

Heisst die Antwort "mit anderen", erwächst daraus die neue Frage: mit welchen anderen? Die Antwort darauf hängt natürlich auch von der Art meines Vorhabens ab: wenn ich bauen will, werde ich mich um einen Architekten kümmern. Davon gibt es aber einige; ich werde also versuchen herauszufinden, welcher für mein Bauvorhaben der Geeignetste ist. Ich schaue mir an, was er schon gebaut hat - und dann kommt in den meisten Fällen ein Faktor dazu, der nicht messbar, wohl aber spürbar ist, eine Art Seelenverwandtschaft, die sogenannte gleiche Wellenlänge, die Chemie. Sie wird meine Partnerwahl entscheidend beeinflussen.

Dieses Auswahlverfahren begegnet uns im Alltag häufig. Wenn ich im Sinn habe, mich für meine Gesundheit mit einem Arzt zusammen zu tun - er ist dann mein Partner - werde ich ebenso versuchen, einen bestimmten zu wählen, wie ich den Bäcker auswähle, der zwar etwas weiter als ein anderer seinen Laden aufgeschlagen hat, aber für mich eben das bessere Brot und allenfalls die freundlichere Bedienung hat.

Beispiele, die mir persönlich noch näher gehen, sind ebenfalls leicht zu finden: ich wähle mir Bekannte, Freunde, meine Partnerin oder meinen Lebensgefährten: allerdings ist es ja nicht so, dass nur ich wähle, sondern oft werde ich gewählt - oder auch nicht. Schliesslich habe ich auch mit vielen Menschen zu tun, bei denen keiner von beiden frei gewählt hat: am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft usw. Dabei ist es zwar nicht mein Bestreben, mit möglichst allen lieb und nett zu sein, aber ein gutes Auskommen mit ihnen ist einfach angenehmer. Im sozialen Lernen erworbene Kompetenz wird mir dies leichter machen.

All diese Facetten des sozialen Zusammenlebens beeinflussen unser Tun und unsere Befindlichkeit im Alltag. Genauso stellt sich deshalb auch in einer sinnvollen Arbeit mit Gruppen die Frage: Wer ist mein Partner, was will ich mit ihm, was kann ich mit ihm?

Was kann ich mit wem?

Die Antwort darauf ist brisanter als auf Anhieb ersichtlich. Öfters hängt nämlich das Gelingen oder Misslingen einer Aufgabenlösung davon ab, mit wem ich sie angehe. Meine Vorliebe für jemanden kann mich beflügeln, meine Antipathie zu jemandem kann mich hemmen - und umgekehrt. Im ersten Fall kann ich mich verleiten lassen, alles, was ansteht, nur noch mit den mir sympathischen (aus welchen Gründen auch immer) Personen abzuwickeln, im zweiten Fall weiche ich diesen Personen immer mehr aus.

Je grösser der Bogen wird, den ich um sie mache, desto fremder werden sie mir - und desto weniger Möglichkeiten ergeben sich, mit ihnen jemals wieder in Kontakt zu treten. Eine Entwicklung, die in Gruppen immer mehr zu abgeschotteten Untergruppen führen kann - und damit zum Verlust von vielen wertvollen Erfahrungen und Herausforderungen miteinander.

Auf diese unerwünschte Entwicklung lässt sich sinnvoll Einfluss nehmen. Die Notwendigkeit der Einflussnahme begründe ich folgendermassen: Untergruppen haben viele gute Eigenschaften, wie z.B. die Solidarität mit denen, die dazugehören, dadurch auch Stützfunktion für Leute, die, allein auf sich gestellt, in der Gesamtgruppe untergingen, Mittragen von persönlichen Geheimnissen und daraus erhöhtes Verständnis für ihren Träger usw.

Altbekannt ist aber die Einsicht, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Neueren Datums ist Watzlawicks Gedanke "über das Schlechte vom Guten."

Schauen wir uns deshalb bewusst auch schlechte Seiten von Untergruppen an: sie kann verkrusten, wird undurchlässig für neue Impulse und Erfahrungen, sie kann ihre Mitglieder gängeln - im Verhalten ebenso wie in der Meinungsbildung, sie kann unmerklich sektiererisch werden. Also "nieder mit allen Untergruppen"?

Keineswegs!

Das Gute fördern und das Schlechte abbauen ist auch hier Leitmotiv für die TZT-Arbeit: wir arbeiten deshalb mit verschiedenen Strukturen zur Gruppenbildung, von denen jede den Teilnehmern einmal mehr, einmal weniger Freiraum und Verantwortung einräumt oder aufbürdet. Daraus erwächst eine lebendige Durchmischung der Kontakte jedes einzelnen mit allen andern.

Der nachfolgende Beschrieb der fünf prinzipiellen Ausgangslagen für Gruppenbildungen im TZT folgt einem einfachen inneren Raster: je kleiner der eigene Einfluss auf die Auswahl des Partners, desto kleiner ist die Verantwortung dafür - und umgekehrt:

  1. objektiv - kein Einfluss, deshalb auch "keine" Verantwortung für den Partner
  2. imperativ - kein Einfluss deshalb auch "keine Verantwortung für die Partnerin
  3. spontan - etwas Einfluss, deshalb auch "etwas" Verantwortung für die Partner
  4. komparativ grösseren Einfluss, deshalb auch grössere Verantwortung für die Partnerin
  5. subjektiv maximaler Einfluss, deshalb maximale Verantwortung für den Partner

Die objektive Gruppenbildung

Wie der Name sagt, geschieht das Zusammenführen der Partner nach objektiven Kriterien, meistens sind das äusserliche Merkmale. Sie sind in der Gruppe entweder schon vorhanden (je gleichviele Teilnehmer einer Gruppe wohnen in der gleichen Stadt) oder, was sicher viel häufiger ist, das objektiv messbare Merkmal muss den Teilnehmern erst zugeführt werden.

Wie? Ganz einfach: jedes Gruppenmitglied zieht verdeckt eine Spielkarte. So viele Spielkarten, wie ich die Gruppengrösse haben will, zeigen das gleiche Bild. Alle Träger der gleichen Spielkarte kommen zusammen in eine Gruppe. Folgendes wird deutlich: die Teilnehmer ziehen ihre Karte verdeckt; so weiss niemand, welche Karte sein Wunsch- oder Albtraumpartner hat. Wenn die Karten aufgedeckt werden, ist niemand verantwortlich für seine "Wahl"; es ist eigentlich gar keine, also ist der Wahlfreiraum auch gleich null.

Einige werden ob des Resultats dieser Lotterie enttäuscht sein, manchen ist es einerlei, und einige werden ganz glücklich sein, weil ihnen das Glücksspiel jemanden beschert hat, mit dem sie zwar schon lange zusammen sein wollten, aber nie so recht wussten, ob dieser Wunsch auch erwidert würde. Für sie kann die kommende Phase eine bewusste Herausforderung sein, ebenso wie für die Enttäuschten.

Beispiele

Gleiche Gegenstände G1

Jeder erhält einen Gegenstand (Bändel, Farbstift, Münze usf.), wobei jeder Gegenstand doppelt oder mehrfach, je nach gewünschter Gruppengrösse, vorhanden ist. Die Besitzer aller identischen Gegenstände bilden zusammen eine Gruppe (die zwei roten Farbstifte, die zwei grünen Farbstifte usw.).

Logische Reihen G2

Die ganze Gruppe stellt sich in einer logischen Reihenfolge, die sich aus einem bestimmten Kriterium ergibt (z.B. Geburtsmonat, Anfangsbuchstabe des Vornamens, Buchstabenmenge des Nachnamens usw.), auf. Danach werden einfach ab Reihenanfang die zwei nebeneinander Stehenden zu einer Zweiergruppe.
Ist die Mitgliederzahl ungerade, können abwechselnd von beiden Enden her die Zweiergruppen gebildet werden. In der Mitte gibt es eine Dreiergruppe.

Ersichtliche Kriterien G3

Die Gruppe erhält die Aufgabe, sich stumm der Grösse nach in einer Reihe zu ordnen. Sobald das geschehen ist, bilden der Kleinste und die Grösste am Ende der Reihe eine Gruppe usw.

Die imperative Gruppenbildung

Sie ist dazu angetan, die Leitung in Frage zu stellen; sie läuft nämlich so, dass die Leitung bestimmt, wer zusammen in der Gruppe ist. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: bestimmten Teilnehmern die Chance geben, miteinander etwas auszufechten - es ist ja nie ein Zwang - oder auch Unerledigtes nochmal aufzunehmen usw.

Leiterverantwortung

Natürlich werden sich einige Teilnehmer fragen, warum sie mit dieser oder jenem zusammenkommen sollen. Daraus entstehen auch Fragen an die Leitung, denn sie trägt ja die erste Verantwortung für diese gezielte Gruppenzusammensetzung. Eine gute Gelegenheit auch für die Leitung, Rückmeldungen zu den eigenen Wahrnehmungen zu geben und in Frage stellen zu lassen.

Weit harmloser - aber trotzdem noch imperativ - ist die Gruppenbildung, mit der ich in der Praxis auch öfters arbeite: sie nimmt Gruppenkonstellationen auf, wie sie sich darbieten: eine ganze Gruppe steht vor Beginn z.B. scheinbar unorganisiert im Raum - in angeregtem Gespräch in Untergruppen. Bei genauem Hinsehen ist durchaus eine Organisation erkennbar; hier unterhalten sich zwei über eine private Sache, da bewundert jemand den Halsschmuck eines Teilnehmers usw. Solchen Ausdruck nehme ich auf und pflücke die äusseren Zeichen der inneren Beziehungen, indem ich diese Untergruppen einlade, gleich zusammenzubleiben. Vordergründig haben die Teilnehmer auch hier keine Verantwortung für ihre Gruppenzusammensetzung.

Beispiele

Personenzentrierte Gruppeneinteilung G4

Die Leitung stellt ad hoc Gruppen zusammen: "Du, Du und Du!"

Bestehende Konstellationen G5

Die Leitung nimmt Konstellationen auf, die sich bereits abgezeichnet haben: "Wer in der Pause zusammen war, kann gleich zusammenbleiben."

Die spontane Gruppenbildung

Das Fremdwort "spontan" wird deutsch verschiedenartig umschrieben: "von selbst", "freiwillig", und "aus eigenem, plötzlichen Antrieb". In meinem Sprachempfinden heisst spontan auch "ohne langes hin und her, ohne Wenn und Aber". Ebenso gehört zu einem Spontanentscheid, dass er "hier und jetzt" gefällt wird.

Dementsprechend gestaltet sich auch die spontane Gruppenbildung. Sie erwächst meistens aus einer Aktion , bei der alle Teilnehmer in Bewegung sind und deshalb die Gesamtübersicht gar nicht vorhanden ist, um sich lange zu überlegen, wer jetzt überhaupt zur Wahl stünde und warum gerade die oder der. Der eigentliche Impuls der Leitung heisst denn auch ganz schlicht: "Ergreife bitte (einfach) eine Partnerin oder einen Partner an der Hand."

Aber aufgepasst: allein der Umstand, dass, wer nicht selber greift, halt ergriffen wird, macht diesen Impuls weniger harmlos, als er klingt. Wenigstens für die aktiven Greifer ist die Verantwortungslosigkeit für ihre Wahl vorbei. Allerdings - und das ist wichtig: spontane Entscheidungen unterliegen immer auch einem allgemeinen Verständnis, das besagt, dass dieser Entscheid nicht bis ins letzte Glied durchdacht und überlegt worden ist; spontan gewählt zu haben, beinhaltet deshalb auch immer "eine Entschuldigung", falls sich die Wahl als nicht sehr glücklich herausstellen würde. Dadurch vermindert sich der Verantwortungsaspekt auf eine unkomplizierte, unmittelbare, eben spontane Weise.

Beispiele

Aus der Bewegung G6

Während alle einzeln im Raum herumgehen, läuft Musik. Sobald die Musik abklingt, versucht jeder möglichst schnell jemand anderen zu berühren (mit der Hand eine andere fassen, sich mit seinem Rücken an einen andern Rücken lehnen, mit dem eigenen Knie ein anderes Knie berühren usw.). Die beiden, die miteinander Körperkontakt haben, sind in einer Zweiergruppe.

Kettenglied G7

Wir halten uns alle bei den Händen eingekrallt, wie eine Kette. Dieser Kettenkreis wird nun gedehnt, verzogen und verschlungen, bis er irgendwo reisst. Dort, wo die Kette reisst, scheiden die beiden aus, das ergibt dann Zweiergruppen.

Einseitige Überraschung G8

Eine Hälfte der Gruppe ist im Raum verteilt. Die andere Hälfte wartet einen Augenblick draussen. Sobald sie hereinkommt, gesellt sich jemand von denen, die drinnen waren zu jemandem, der von aussen kommt.

Offerte G9

Auf grossem Papier an der Wand oder der Wandtafel sind so viele Kreise gezeichnet, wie Gruppen vorgesehen sind; in jeden Kreis dürfen sich so viele eintragen, wie es der gewünschten Gruppengrösse entspricht. Am Schluss sind alle Kreise mit Namen gefüllt und die Gruppen gebildet.

Die komparative oder ergänzende Gruppenbildung

Zu ihrem Verstehen hilft der Volksmund: Er spricht "Gleich und gleich gesellt sich gern" ebenso gelassen aus wie "Gegensätze ziehen sich an."

Ausgangslage für diese Art der Gruppenbildung sind wiederum bestimmte Kriterien; im Gegensatz zur objektiven Gruppenbildung sind diese Kriterien jedoch viel breiter interpretierbar: ich arbeite z.B. an einer Tagung über Energieprobleme mit lauter Energiefachleuten. Die Aufgabe an die zukünftigen Untergruppen wird sein, ein utopisches Szenarium bezüglich neuer Energiequellen zu entwickeln. Um die Gruppe bereits jetzt darauf einzustimmen, fordere ich die Teilnehmer auf, für sich eine bekannte Energiequelle auszudenken und allen anderen mitzuteilen.

Windräder, Wasserkraft, Kohle, Solarenergie, Erdöl, Erdgas, Biogas, Umweltwärme, Kernfusion usw. sind die Begriffe der Teilnehmer. Die Aufforderung auf Grund dieser Begriffe Dreiergruppen zu bilden, wird sicher erst mal die Frage aller aufwerfen, "nach welchen Kriterien denn?"

Genau darin liegt der Witz dieser Gruppenbildungsart: die Kriterien sind nicht gesetzt, nicht objektiv, sondern sie können subjektiv entwickelt, um nicht zu sagen, erfunden werden. Ein Teilnehmer - er hat Solarenergie gewählt - geht auf die Trägerin der Windräder zu und sagt: "Wir passen zusammen, wir sind beide sanfte, umweltschonende Energien. "Ja!" sagt diese, "jetzt brauchen wir noch den Dritten im Bunde. Wer ist auch noch umweltschonend? Vielleicht die Frau mit dem Biogas?" Von dieser bekommen sie aber erst mal einen Korb. Sie hat sich nämlich schon lange mit Herrn "Erdgas" zusammengetan. Gas ist schliesslich Gas. Dass es nicht in erster Linie um "Gas ist Gas", geht, ist beiden klar, und muss deshalb auch nicht explizit ausgesprochen werden.

Die zwei Gasleute schreiten munter voran: beide haben sie es auf den Kohle-Träger abgesehen; das Argument ist einfach: auch aus Kohle lässt sich Gas gewinnen. Der Kohleträger findet seine neuen Partner angenehm und akzeptiert die Begründung ohne weiteres. Die Dreiergruppe hat sich gefunden.

Die zwei mit der sanften Energie haben es schwerer: die Frau mit der Wasserkraft ist bereits in einer ganzen Gruppe (mit "Holz" und "Erdöl", nach dem Kriterium "so viel Feuer braucht dringlich auch Wasser."); frei ist nur noch der "Kernspalter". "Du bist die aggressivste Energie, wir die sanfteste - kann auch spannend werden", kommt ihm Herr "Solar" entgegen. Wohl oder übel, der Kernspalter findet das auch und ist dabei.

Wer nun glaubte, das Ganze sei ein grosses Gemogel oder doch wenigstens eine Kinderei, hat wohl seine Ohren im Alltag nur selten dabei. Oder haben Sie etwa noch nie erlebt, nach welch phantasievollen Kriterien vor einem Auto vier, fünf Leute die Sitzordnung verteilen? Wer sagt denn schon: "Ich will neben Susi sitzen (Susi steuert). Wer lange Beine hat und dort sitzen will, sagt eben, dass er lange Beine hat, die viel Platz brauchen. Wer kurze Beine hat, dem wird, wenn er hinten sitzt, eben meistens schlecht, und wäre jemand bekannt für seine gesunde Natur, so bleibt ihm immer noch die Aussage: "In so einem tollen Auto bin ich noch nie vorne mitgefahren!" Hier stimuliert die Lust auf Beziehung die eigene Phantasie

Mehr als die drei vorangegangenen Gruppenbildungsarten lebt diese von "erfundenen" Kriterien und Scheinkriterien - und damit auch von der Akzeptanz dieser Kriterien durch mögliche Partner. Der eigene Anteil an der Wahlentscheidung wächst und damit der Freiraum und die Verantwortung dafür.

Beispiele

Ähnlichkeiten  G10

Jeder sucht nach einem vorgeschlagenen Kriterium (ähnliche Augenfarbe wie Du, etwa gleich grosse Hände wie Du usw.) den entsprechenden Partner oder mehrere (je nach gewünschter Gruppengrösse) aus der Gruppe.

Ergänzungen     G11

Jede denkt sich einen Begriff aus einem bestimmten Rahmen (Speisen, Möbel, Garten usw.). Aus den Speisen soll eine "passende" Mahlzeit zusammengestellt werden - Forelle, Salzkartoffeln und Zitronensorbet, aber wohl kaum Polenta, Reis und Teigwaren. Mit den Möbeln lässt sich ein Zimmer sinnvoll einrichten. Je nach Zielaufgabe kann die Gruppengrösse festgelegt werden - oder auch nicht.

Die subjektive Gruppenbildung

In ihr kommt zum Tragen, wofür wir im Alltag nur selten Gelegenheit haben: Zeit-, Sach- und auch moralische Zwänge verhindern oft, Wahlangebote klar auszusprechen und zu begründen. Ebenso fällt es den meisten von uns schwer, jemandem ehrlich einen Korb zu geben (Termine, so viel zu tun...ruf doch später wieder mal an!).

Diese Art der Gruppenbildung braucht Zeit, Mut und Bewusstsein. Die Einladung dazu klingt wiederum recht harmlos: "Für unsere nächste Aufgabe braucht es Gruppen von der und der Grösse".

Wie im Alltag werden unerfahrene Gruppen diese Aufforderung blitzschnell so lösen, dass sie sich - unbewusst - mit einer der obgenannten Gruppenbildungs-Techniken behelfen: zwei, die gerade beieinander sitzen, werden spontan zugreifen; für andere, die sich "schon kennen", ist die Zusammenarbeit auch eine klare Sache; weitere wohnen in der gleichen Gegend - ein objektiver Grund - und dann sind noch die, die übrig bleiben und halt deshalb zusammen gehen. Vor allem für die letzteren - aber nicht nur - hat diese Gruppenbildungsart, wenn sie nicht ausgetragen wird, grosse Nachteile: wer nicht schnell genug ist, bleibt "übrig"; wer sich schon kennt, bleibt zusammen, dadurch kann er die Durchlässigkeit zur Gesamtgruppe schwänzen, und Erfahrungen mit verschiedensten Leuten der Gruppe gehen verloren.

Trotzdem wird sie in vielen Gruppen in Ermangelung der oben vorgeschlagenen Möglichkeiten und Ideen immer wieder angewendet. Nicht so im TZT: diese Aufforderung zur gelebten subjektiven Gruppenbildung wird erst mit der Zeit einer Gruppe vorgeschlagen, dann nämlich, wenn die Gruppe auch fähig ist zur Offenheit und zur Ausdauer, die nötig ist, um zu verhandeln; fähig auch, mit Angeboten und widerfahrener Ablehnung differenziert umzugehen, ebenso wie sich selbst anzubieten und andere abzulehnen und schliesslich zur eigenen Unzufriedenheit oder zum grossen Glück zu stehen.

Beispiele

Offene Verhandlung     G12

Die Gruppengrösse ist gesetzt; die Zusammenstellung der Gruppen geschieht mittels Diskussion im Plenum.
Variante: eine erste Gruppenbildung findet nonverbal statt. Danach geht es weiter mit verbaler Rückmeldung und allenfalls Änderungen in der Gruppenzusammensetzung.
Variante: Die nachfolgende Aufgabe wird skizziert, die Gruppengrösse bleibt offen und die Gruppenbildung der Gruppe überlassen. Zeitangaben zwischen zehn Minuten und einer Stunde sind empfehlenswert.

Erfüllte Wünsche?         G13

Jedes Gruppenmitglied stellt sich zuerst allein auf Papier seine Traumgruppe zusammen; danach wird zusammengetragen und ausgehandelt.

Wann welche Struktur?

Allenfalls taucht jetzt, nachdem die Strukturen durchleuchtet sind, die Frage auf, ob eine davon besonders für diese oder jene Gruppenkonstellation geeignet sei.

Grundsätzlich empfinde ich diese Strukturen als vergleichbar mit den Grundtönen einer Tonleiter. Jede Struktur hat ihren eigenen Klang. Ist das DO besser als das MI? Kein Musiker wird das bejahen. Dementsprechend ist die eine Struktur auch nicht grundsätzlich sinnvoller als die andere. Wie ein Komponist die Töne virtuos miteinander kombiniert, versuche ich mit diesen Strukturen so zu komponieren, dass sich Mitglieder einer Gruppe optimal zum Klingen bringen können.

Damit ich das kann, muss ich mich mit der Gruppe auseinandersetzen, muss ihre internen Gruppenstrukturen wahrnehmen, muss Wünsche und Widerstände spüren und das „Was läuft in der Gruppe?“ aufnehmen. Dabei setze ich selbstverständlich auch die Gruppenbildungsart nicht unabhängig von der darauffolgenden Aufgabe fest: wenn ich merke, dass sich in einer Gruppe gewisse Untergruppen sehr verfestigt haben, überlasse ich für eine aufwendige, schwierige Aufgabe die Gruppenbildung nicht dem Zufall (objektiv), sondern entscheide mich für die komparativ-komplementäre, die den Untergruppen die Möglichkeit gibt, zusammenzubleiben - oder falls erwünscht - auch nicht. Bei kleinen, kürzeren Aufgaben kann genau das Gegenteil sinnvoll sein: objektiv oder sogar imperativ schaffe ich allen Anwesenden einen neuen Zugang zu Gruppenmitgliedern, mit denen sie sonst kaum etwas zu tun haben. Schon die kleinste Erfahrung untereinander ist wertvoll - mein Empfinden des Partners drückt ja nicht nur etwas über ihn, sondern auch über mich aus - und das wiederum sind ja besonders wertvolle Informationen.

Mehr Gruppenbildungen in Menschlich Lernen – TZT-Basisbuch

Alle Beispiele sind aus meiner Praxis mit Schülern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Heinrich Werthmüller, TZT-Begründer